Wie anders wird, was noch nicht war: Wenn Designer Identitäten gestalten …

Mit großem körperlichen Einsatz führte Erik Spiekermann in München vor, was passieren kann, wenn Ortsunkundige Karten nutzen, die – wie meist üblich – oben nach Norden
zeigen: Sie verrenken sich, um Karte und Umgebung in Übereinstimmung zu bringen.
Trotzdem sind viele touristische Pläne nach Norden ausgerichtet. Das ist üblich, die meisten erwarten es so. Besser ist manchmal aber eine ganz andere Gestaltung. Das weiß jemand, der Nutzer zuvor beobachtet hat.

Design entsteht zu einem nicht unerheblichen Teil aus Beobachtung. Darin sind sich die Teilnehmer an dem BDG-Podiumsgespräch in München einig. Zum vierten Mal hatte Boris Kochan gemeinsam mit zwei Gesprächsteilnehmern nach der Zukunft des Kommunikationsdesigns gefragt. Anfang November beschäftigte er sich gemeinsam mit Lars Harmsen (Melville Brand Design, München) und Heike Nehl (Moniteurs, Berlin) mit der Frage der Gestaltung von Identitäten. Aus dem Publikum ergänzte Erik Spiekermann als frisch gebackenes Ehrenmitglied des BDG nonchalant das Gespräch.

Beobachten und Widerspiegeln – das sind für Heike Nehl zentrale Bestandteile ihrer Tätigkeit, sie machen daher auch die Identität ihrer Agentur Moniteurs aus. Gestaltung von Identitäten heißt für sie Auseinandersetzung mit Gegebenheiten, die lokaler, geschichtlicher oder konkreter räumlicher Natur sein können. In der spezifischen Konstellation der Gegebenheiten und der handelnden Personen entstehen Leitsysteme, die identitätsstiftend sind oder zumindest sein könnten, wie im Fall des Berliner Flughafens … Dessen Leitsystem wurde von Moniteurs gestaltet.

Die Möglichkeiten, Nutzer, Konsumenten, jedermann in die Gestaltung einzubeziehen, sind durch Social Media Kanäle enorm gewachsen. Die Versuchung, Design durch die Mehrheitsmeinung abzusichern, ist groß. Vehement tritt Lars Harmsen dagegen für ein risikobehaftetes Design ein. »Überall wo im Design basisdemokratisch gearbeitet wird, kommt nur Murks raus«, weiß der Agenturchef aus Erfahrung. Designer können Dinge und Wege anders denken. Dafür müssen sie aber das Risiko eingehen unter Umständen auch auf einem Irrweg zu landen.

Belastbare Veränderungen entstehen aus dieser Design-Haltung heraus. »Designer sind die Enzyme für Innovationen«, zitiert Boris Kochan gegen Ende der Diskussion zusammenfassend die Kuratorin des MoMA Paola Antonelli. Sie sind Innovationsmanager, weil sie qua Profession in der Lage sind, den Kern der Dinge in Frage zu stellen und vom gewohnten Weg abzuweichen.

Das Podiumsgespräch fand im Anschluss an die Hauptversammlung des BDG statt. Die BDG-Podien sind eine Veranstaltungsreihe des Berufsverbands der Kommunikationsdesigner zur Zukunft des Designberufs. Im Gespräch mit BDG-Designer Boris Kochan waren bisher Gesche Joost und Erik Spiekermann, Julia Meer und Florian Pfeffer sowie Claudia Fischer-Appelt und Sebastian Turner.
Ein Film von der Veranstaltung ist in einer langen und einer gekürzten Version auf dem Vimeo-Account des BDG zu finden.

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