FURE Future of Reading an der Münster School of Design – eine Nachlese von Diana Pascucci

Designkonferenz am 24.11.17 in der Münster School of Design (MSD)

Eine Nachlese von BDG-Designerin Diana Pascucci aus Münster


Eine Designkonferenz in Münster? Ja, das geht. Hier einige Eindrücke zu den einzelnen Vorträgen.

Lars C. Grabbe 

„Die Sprache ist das Haus des Seins.“ (Martin Heidegger)

Lars C. Grabbe machte den Anfang mit einem komplexen medientheoretischen Vortrag über Sprache als Psycho-Technologie und unterfütterte das Thema u. a. mit einem Exkurs über die Entstehung menschlicher Kommunikationsfähigkeiten im Laufe der Evolution und der Feststellung, dass derzeit ca. 6.500-7.000 Sprachstämme (ohne Dialekte, Soziolekte etc.) existieren.

Er zeigte, dass Sprache über viele Ebenen transcodiert wird und dass unser neurologisches System von selbst arbeitet und auch zunächst fremde Lesesysteme erfassen und in Bedeutung umsetzen kann. Dabei legte er Wert auf eine punktgenaue Definition von Begriffen wie „analog“ (Übereinstimmung/Ähnlichkeit)und digital (von lat. digitus, Finger/Zeh).

Katharina Hesse, Stiftung Buchkunst

Welche Kriterien machen ein Buch zu einem guten Buch? Worauf muss in Herstellung und Produktion geachtet werden? Katharina Hesse gibt einen Einblick in den Wettbewerb „Die schönsten deutschen Bücher“ (http://www.stiftung-buchkunst.de) und in die Auswahlkriterien der Juroren. Bei Romanen z. B. sind das Papier (Welche Grammatur? Sanft oder rau? Passt es zum Textinhalt?) und Layout/Satz (Wird der Text beim Lesen vom Finger verdeckt? Ist der Satz so, dass der Text gut lesbar/erfassbar ist?)

Bei Ratgebern stehen vor allem Praktikabilität, Struktur, sachliche Richtigkeit und Genauigkeit sowie Anwendbarkeit im Vordergrund. Bilderbücher (ein Teil der Kategorie Kinder- und Jugendbuch) werden eher zu zweit gelesen, also muss das Buch entsprechend aufbereitet sein, Text und Bild/Illustration müssen ineinandergreifen. Kinder können übrigens durchaus komplexere Inhalte/Bedeutungsebenen aufnehmen: „Ich rieche den Strand, ich schmecke das Meer.“

Wieder anders bei den Kunstbüchern: Wie werden Inhalte transportiert? Wie können Gestalter z. B. Emotionen hervorrufen und/oder steuern? Wie ist die Handhabbarkeit (Aufschlagverhalten etc.)? Katharina Hesse stellt hier beispielhaft den Band „J’ai perdu ma tête“ (http://www.granser.de/books/jai-perdu-ma-tete.html) vor, dessen Gestaltung hervorragend mit dem Inhalt korrespondiert und dessen emotionale Wucht beeindruckt.

Hanne Mandik, Kiepenheuer & Witsch

Wie können auch künftig Inhalte medienneutral vorgehalten werden? KiWi arbeitet dazu mit speziell für den Verlag entwickelten XML-Formaten. Basis dieser XML-Daten ist das fertig zur Printproduktion vorbereitete Indesign-Dokument eines Buches. Damit setzt der Prozess zur medienneutralen Vorhaltung der Inhalte zu einem tendenziell späten Zeitpunkt ein. Hanne Mandik erklärt grob, wie diese XML-Dateien aufgebaut sind, welche Elemente enthalten sind. Momentan gibt der Verlag E-Books heraus, wie andere Verlage auch. Es gibt jedoch eine weitere Aufgabe, an der verstärkt gearbeitet wird: den automatisierten Satz, der allerdings noch diverse Kinderkrankheiten aufweist. Die Idee hinter allen digita

len Veröffentlichungen des Verlags ist, für alle künftigen Anwendungen (die heute, wie Hanne Mandik zugibt, nur begrenzt vorausgesehen werden können) den Kern des Verlags bereitzuhalten und bereitzustellen: die Inhalte. Schwierigkeit dabei ist, einen Kompromiss zu finden, der in allen digitalen Medien funktioniert und gleichzeitig ansprechend für den Konsumenten ist. Unter hmandik@kiwi-verlag.de ist Hanne Mandik für Fragen offen.

Florian Adler

leserlich.info: Schritte zu einem inklusiven Kommunkationsdesign – Kann Kommunikationsdesign sehbehindertengerecht und trotzdem attraktiv sein? Für Florian Adler geht es beim Thema Leserlichkeit nicht um Insellösungen für Sehbehinderte, denn leserliche Gestaltung betrifft jeden. Beispiele für erschwertes Sehen bei Normalsichtigen sind Autofahren bei Nacht im Regen, Verwechseln von Hotelpflegeprodukten wegen nicht ausreichend berücksichtigter Leserlichkeit beim Packaging. Gestalter sind angehalten, generell für eine gute Leserlichkeit zu sorgen.

Hilfreich für die Leserlichkeit ist beispielsweise, wenn die oberen Hälften der Buchstaben möglichst verschieden voneinander sind. Weitere Parameter, die die Leserlichkeit beeinflussen, sind Zeilenlänge, Ränder und Abstände, Textanordnung, Kontrast und x-Höhe. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die DIN 1450, eine Norm zur Leserlichkeit von Schrift – Infos z.B. hier: https://www.linotype.com/de/6990/din-1450.html. Für die Plattform leserlich.info wurden inklusive Designelemente erarbeitet und evaluiert mit Hilfe einer Fokusgruppe Betroffener der 6 großen Augenerkrankungen und 46 Lesern eines Magazins für Sehbehinderte.

Annick Malou Roy/Leonie Schäffer

In ihrer gemeinsamen Bachelorarbeit an der Münster School of Design „Holymedia“ (http://www.neudenken-now.de/?work=design) beschäftigen sich Roy und Schäffer mit Nutzung und Auswirkung von Social Media, von Digital-Sein. Sie stellen ein „Magabook“ genanntes Printformat als analoge Entsprechung digitaler Medien vor. Konzeptionell gesehen, findet im Magabook eine Verbindung des narrativen Stils eines Magazins mit der wissenschaftlichen Wissensvermittlung eines Buches statt.

Da gedruckte Inhalte wegen der neuronalen Verknüpfung von Inhalt und Haptik besser gemerkt werden als digitale Inhalte, messen die Vortragenden gedruckten Inhalten eine höhere Wertigkeit bei.

Johannes Klein-Reesink/Christian Rosenthal

In welcher Form müssen Printmagazine sich verändern/anpassen angesichts der zunehmenden Digitalisierung? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Duo Klein-Reesink/Rosenthal in seiner Masterarbeit (http://www.neudenken-now.de/?work=kompakta) an der Münster School of Design. Aus dem reinen Consumer ist der „Prosumer“ geworden, der nicht nur passiv konsumiert, sondern kommuniziert/sich mit Menschen austauscht. So entsteht eine Gemeinschaft von Menschen mit gemeinsamen Interessen.

Aus dem alltäglichen Vorhandensein digitaler Medien und sozialer Netzwerke entstehen gestiegene Erwartungen auch an Printmagazine. Magazine müssen also den Nutzer einbinden, ihm Möglichkeiten bieten, sich aktiv einzubringen. Das kann auch das Kuratieren nutzergenerierter Inhalte sein. Der Nutzer wird so Teil der Wertschöpfung. Durch diese Ko-Kreativität werden die Identifikation des Nutzers mit dem und seine Loyalität zum Medium erhöht. Inhalte können auf diese Weise viel näher an der Nutzerschaft dran sein.

Raban Ruddigkeit 

Communities at work: Raban Ruddigkeit stellte seine neue Plattform coblisher.com vor, die er zusammen mit Lea Brousse und Lars Harmsen betreibt und auf der unter Umgehung des Buchhandels kreative Printpublikationen realisiert werden. Seine These: „Es gibt keine Buchkrise, sondern eine Buchhandlungskrise.“ Hauptkritikpunkt: Der Buchhandel verkörpere eine starre Regelung, die nicht mehr dem aktuellen Stand und nicht mehr dem Verhalten der Konsumenten entspricht.

Frank Rausch

Typografie am Bildschirm: „Keine guten Ausreden für schlechte Typografie!“, so das markante Statement zu Beginn des Vortrags. Die Kontrolle über die Darstellung analoger Textinhalte liegt beim Menschen (Typograf, Gestalter), die Kontrolle über die Darstellung digitaler Inhalte liegt bei der Software. Also müssen Entwickler in dieser Hinsicht besondere Aufmerksamkeit auf die Einbindung der Darstellungsoptionen im Hinblick auf Leserlichkeit legen. Software muss so programmiert werden, dass Textinhalte im UI für den Nutzer bestmöglich dargestellt werden.

Diesem Gedanken folgend, hat Frank Rausch die App „V for Wiki“ (http://raureif.net/de/work) entwickelt, die Wikipedia-Inhalte gut lesbar und voll responsiv aufbereitet. Ein Side-by-Side-Vergleich zeigt anschaulich den Nutzen der App.

Holger Windfuhr

Ein Plädoyer fürs gedruckte Medium: Bücher sind, im Unterschied zu E-Books, sichtbar im Regal, haben also einen „Status-Effekt“. Gedruckte Bücher werden besser gemerkt (durch eine Studie belegt), und aus Büchern Gelerntes bleibt besser hängen. Bei Schülern zeigte sich das sogar in besseren Noten. Seine These: Menschen lesen im Schnitt nach wie vor lieber analog als digital.

Für Gestalter relevant, wenn sie Lesestoff für digitale Medien bearbeiten: Je kleiner die Lesefläche (Smartphone!), desto geringer die Möglichkeiten, Inhalt für den Rezipienten spannend, informativ, aufschlussreich aufzubereiten.

 


Diana Pascucci

arbeitet als Designerin für Print und Web sowie als Lektorin in Münster. Sie verliebt sich regelmäßig in Schriften, Logos und Papierklänge.

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