Design fesselt: Zur Bedeutung der Ästhetik von Websites

Die Wirkung von Gestaltung nachvollziehbar zu vermessen, ist ein schwieriges Unterfangen. Bei der Beurteilung von Websites etwa liefert die Verweildauer zwar konkrete Daten und Zahlen, meist aber werden diese auf den Inhalt und die Usability und nicht auf die Gestaltung zurückgeführt. Der Psychologe PD Dr. Meinald T. Thielsch beschäftigt sich seit langem mit der Ästhetik von Websites und hat dazu auf der Basis seiner Forschungsergebnisse zahlreiche Publikationen verfasst.

Gemeinsam mit der Psychologin Maria Douneva von der Universität Münster gibt der Hochschullehrer aus Münster dem BDG Auskunft über die Rolle des Designs bei Websites.

1.) Ist das Design einer Internetseite egal?

Maria Douneva: Viele denken, das Design einer Seite hätte rein dekorative Zwecke und sei eher ein „nice to have“. Schließlich besucht man Seiten mit einem bestimmten Ziel, sei es um sich zu informieren, sich unterhalten zu lassen oder etwas zu kaufen. Angesichts der Fülle an Seiten und der oft nur begrenzten Zeit, die man aufwenden kann, treffen Nutzer die Entscheidung für oder gegen eine Seite extrem schnell. Teilweise innerhalb von Millisekunden! Der erste Eindruck, der über das Design einer Seite vermittelt wird, ist also extrem wichtig und entscheidend dafür, ob sich ein Nutzer überhaupt weiter damit beschäftigt.

Meinald Thielsch: Und auch wenn Menschen weiter mit einer Website interagieren und der erste Eindruck vorbei ist – Designfaktoren bleiben relevant. Es scheint nicht so zu sein, wie manche früher glaubten, dass Design und Ästhetik stören. Unter bestimmten Bedingungen kann sogar eine hohe Ästhetik eine schlechte Usability kompensieren.

2.) Wofür ist das ästhetische Urteil wichtig?

Maria Douneva: Die Ästhetik einer Seite trägt nachweislich am meisten zum ersten Eindruck bei, aber ist auch entscheidend für den Gesamteindruck sowie (in gewissem Maße) die Wiederbesuchs- und Weiterempfehlungsbereitschaft. Auch Einschätzungen bezüglich der Glaubwürdigkeit einer Seite, die eigentlich nichts mit dem Design zu tun haben, werden dadurch beeinflusst. Interessanterweise ist Nutzern die wichtige Rolle der Ästhetik oft nicht bewusst, stattdessen werden beim direkten Nachfragen Inhalt und Benutzerfreundlichkeit als wichtiger eingestuft – die natürlich maßgeblich zum Erfolg einer Webseite beitragen, aber eben nicht ausschließlich.

3.) Können Designer hier helfen?

Maria Douneva: Es gibt nicht DIE Regel für gutes Webdesign. Faktoren wie die Branche, Zielgruppe oder der kulturelle Hintergrund entscheiden mit darüber, was als ästhetisch empfunden wird. Daher verwundert es nicht, dass nur wenige Richtlinien existieren – nicht zuletzt, weil sich Webdesign immer im Wandel befindet. Trotzdem gibt es einige Tendenzen.
Nutzer erwarten gewisse Seitenelemente an bestimmten Stellen, zum Beispiel dass sich Logo und Unternehmensname oben befinden und die Navigation links. Wenn dieser prototypische Aufbau nicht eingehalten wird, führt das oft zu einem weniger positiven Urteil. Abweichungen vom Gewohnten, wie ein extrem grafischer Aufbau mit auffälligen Farben, stellen daher ein gewisses „Risiko“ dar. Wenn allerdings das Ziel darin liegt, einen innovativen und neuartigen Eindruck zu hinterlassen, kann sich dieses Risiko lohnen.

4.) Ab wann ist Design irrelevant?

Meinald Thielsch: In unseren Studien sehen wir: Je mehr jemand am Inhalt interessiert ist, desto eher tritt Design in den Hintergrund. Sicherlich dürfen dabei Usability und Ästhetik nicht unter eine gewisse Schwelle fallen – so mancher Webuser ist aber bei schlechtem Design viel leidensfähiger, als wir Experten vermuten würden. Den Punkt, ab dem Design aber komplett irrelevant wird, haben wir in unseren Forschungen noch nicht gefunden…

5.) Gibt es in Deutschland eine gute Designforschung?

Meinald Thielsch: Hier kann ich nur aus der Perspektive des Psychologen urteilen, da würde ich aber sagen: Auf jeden Fall! An vielen verschiedenen Hochschulstandortorten (wie bspw. Berlin, Essen oder Stuttgart) finden sich exzellente Fachkollegen, die seit vielen Jahren aus verschiedensten Perspektiven der Psychologie Design, Produktentwicklung und User Experience beleuchten. Zudem gibt es die GermanUPA, die als Fachverband hier immer wieder Forschung und Praxis in fruchtbarer Weise zusammenbringt. Derartige Synergien sind sicherlich ein ganz großer Pluspunkt in der Forschung hierzulande.

 

Wir danken Frau Douneva und Herrn Dr. Thielsch für dieses Gespräch. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie auch zum Beispiel in dem Artikel von Rafael Jargon & Meinald T. Thielsch »Die dritte Dimension: der Einfluss der Ästhetik auf die Bewertung von Websites«. Sie können diesen Text unter http://www.thielsch.org/download/jaron_2009.pdf nachlesen.

douneva_2014

Mainald ThielschPD Dr. Meinald T. Thielsch, Dipl.-Psych., Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; 2004 Diplom; 2008 Promotion zum Thema „Ästhetik von Websites“; 2013 Habilitation zum Thema „User Experience“. Seit 2004 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; seit 2014 als Akademischer Rat in der Wirtschaftspsychologie im Bereich „Beratung und Fortbildung für Organisationen“. Lehraufträge an den Universitäten Bonn und Fribourg (Schweiz) sowie der Fachhochschule Münster. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Wirtschaftspsychologie, User Experience, (E-)Recruiting, Forschungs-Praxis-Transfer, Evaluation und Online-Forschung.
Web: http://www.uni-muenster.de/OWMS/bfo/ | www.meinald.de

Maria Douneva, B.Sc., Studium der Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und der Université Paris Ouest Nanterre La Défense. Seit 2013 M.Sc.-Studium mit Schwerpunkt Personal- und Wirtschaftspsychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Vortrag auf Reisen: Bewegte Zeiten – Agiles Publishing

Unsere Zeit schreit nach Veränderung: Nach wie vor arbeiten wir in der Entwicklung von Kommunikationsprodukten mit linearen Prozessen. Dabei passen diese nur noch bedingt zum Verhalten heutiger Medien und zur extremen Marktdynamik. Wir brauchen andere Arbeitsweisen, um die Dynamik um uns herum und in unseren Medien vorwegzunehmen. Die innovativsten Branchen machen es vor: Sie haben etablierte Prozessmodelle wie Scrum, die auf dem Konzept der Agilität beruhen und darauf ausgerichtet sind, mit der Geschwindigkeit am Markt Schritt zu halten.

Mit dem Vortrag »Agiles Publishing« lädt der BDG alle Designerinnen und Designer ein, von den Erfahrungen dieser Branchen zu lernen. Möglichkeiten dazu bestehen Anfang Oktober in Münster, Wuppertal, Berlin und München.

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Über Bände, Kapital und Bändchen: Ein Gespräch mit Karin Schmidt-Friderichs über das Büchermachen

Schöne und schönste Bücher entstehen aus guten Ideen. Manchmal. Schöne und schönste Bücher entstehen aus Liebe zum Buch, aus Erfahrung und aus Leidenschaft. Karin Schmidt-Friderichs macht seit 20 Jahren als Verlegerin Bücher im Verlag Hermann Schmidt Mainz. Der BDG Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner hat die Verlegerin zu einem Vortrag am 27.9.2013 über das Büchermachen nach Mainz eingeladen. Die Veranstaltung beginnt um 18:30 Uhr im Konferenzraum des Ibis Hotel Mainz City, Holzhofstraße 2, 55116 Mainz.

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Preisgekrönte Grenzüberschreitungen: BDG-Designer gewinnen ED-Awards


Grenzen von Medien überschreiten, damit etwas Neues entstehen kann – das ist in völlig unterschiedlicher Weise zwei Arbeiten ausgezeichnet gelungen, die am 8. Juni mit dem renommierten European Design Award geehrt wurden. Für das Ausstellungskonzept »Alois Nebel – Leben nach Fahrplan« erhielten der BDG Designer Christian Schiller und Julia Kühne von der Agentur Gold & Wirtschaftswunder einen ED-Award in Silber; für das Internetmagazin Uncube erhielt die BDG Agentur .HENKELHIEDL eine Auszeichnung in Bronze. Wir gratulieren den Kollegen und Kolleginnen ganz herzlich.

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Das Magazin für jeden: Luxemburgs CITY MAG gewinnt German Design Award

Beryl hatte schon eins, ebenso wie Blanche, Tom, Marine, Akira, Christophe und viele mehr. Sie alle hatten ein City Magazine Luxembourg, das ihren Namen trug. Die offizielle Publikation der Stadt Luxemburg leiht sich für ihr Cover jeden Monat den Namen und das Gesicht einer Luxemburgerin oder eines Luxemburgers. Der jeweilige Cover-Star gibt den thematischen Einstieg in ein Magazin vor, das teilweise dreisprachig einen bunten Mix an Informationen bietet, dem die fröhliche Gestaltung mit ihren prägnanten Headlines entspricht.

Am 15. Februar erhielten die Macher von Maison Moderne für City Mag den German Design Award. Es ist beileibe nicht der erste Preis, den das Verlagshaus für die Gestaltung des Heftes erhält: Red Dot Grand Prix 2010, European Design Award 2010 in Silber, D&AD Award 2012, iF Communication Award 2012, ADC Nagel 2012, Joseph Binder Award 2012 in Silber und noch einige mehr. Wir gratulieren ganz herzlich den Machern und insbesondere dem BDG-Designer Guido Kröger, Partner bei Maison Moderne und dort verantwortlich für die Abteilung Design.

Ein derartiges Preisgewitter war Grund genug mit Guido Kröger über seine Vorstellung über den Stellenwert und die Funktion von Designern zu sprechen, zumal die Kommunikationswege über den BDG bereits geebnet sind:

Herzlichen Glückwunsch! Mit der Konzeption und Gestaltung des City Mags haben Sie einen Nerv getroffen und jede Menge Designpreise abgeräumt, vollkommen zu Recht.

Wo fängt für Sie Design an? Bei der Definition einer Lesergruppe oder beim Satzspiegel?

Bei jedem Kick-Off-Meeting zu Beginn eines Editorial-Projektes sitzt der Art Director immer mit am Tisch.

Nicht nur, um sich bei gestalterischen Fragen »einzumischen«, sondern damit er (so wie auch die Redakteure) gleich von Anfang an einen Einblick in das »Ganze« bekommt.

Zwischen diesem Kick-Off und dem eigentlichen Beginn der gestalterischen Tätigkeit liegen dann manchmal Wochen, in denen man sich aber schon – bewusst oder unbewusst – mit dem Projekt auseinandersetzt. Oder wie ich meinem Design-Team immer sagen »Geh‘ schonmal mit dem Projekt schwanger« 😉

Das Design fängt also schon weit vor dem Satzspiegel an.

Kann Qualität die Verlagswelt vor dem immer wieder beschworenen Untergang retten?

Maison Moderne hat sich mit Nischenmagazinen und seinem hohe Anspruch an Qualität (in Text, Bild, Design, Material, Verarbeitung) in den letzten Jahren sehr gut gegen den »Trend« des Magazinsterbens durchsetzen können. 

Mit unserem Wirtschaftmagazin »paperJam«, das jetzt 12 Jahre alt wird, erreichen wir z.b. jeden Monat 50.000 Leser (=10% der Einwohnerzahl Luxembourgs – was, wenn Sie den Luxemburger mit dem Deutschen Markt vergleichen würden, in Deutschland eine Leserschaft von umgerechnet 8 Millionen Lesern wäre!).

Die internationalen Design-Awards, die wir neben City Mag auch mit unseren anderen Magazinen wie Nico (European Design Award 2010, Red Dot Award 2011+2012, iF Communication Award 2012+2013), Désirs (Red Dot Award 2011, iF Communication Award 2013), MMM (iF Communication Award 2012) und Archiduc (iF Communication Award 2013) gewonnen haben, sprechen für die Qualität, die wir anbieten – und die uns sehr (!) wichtig ist.

Sind Designer in Ihren Augen eher Autoren oder eher Ausstatter?

Das kommt ganz auf die Situation und das Projekt an. 

Wie schon in der ersten Frage erwähnt, versuchen wir, den Designer gleich zu Beginn in das Projekt einzubinden. Da arbeitet dann das ganze Team (Herausgeber/Verleger, Redaktion, Design, Photo) an der »Geburt« (oder den späteren regelmässigen Updates) einer Publikation.

Aber es kommt natürlich auch vor, das ein Projekt-Konzept schon weiter fortgeschritten ist, und der Designer später hinzukommt und mit seinem Fachwissen als »Schönmacher« der schon beschlossenen Ausrichtung gefragt ist.

Als guter Designer sollte man beides können und auch mit beidem umgehen können.

Welches »Geheimwissen« haben Designer heute noch zu bieten, wenn jeder mit ein paar Klicks ein Magazin machen kann?

Die Magazine, die mit ein paar Klicks gemacht sind, verschwinden erfahrungsgemäss auch relativ schnell wieder.

Denn die Quick Wins beschränken sich meist nicht nur auf das Design (mit dem man zugegebenerweise schon viel »vorgaukeln« kann), sondern finden sich oft auch in Konzept, in Themenauswahl und den Texten wieder.

Wer einem Trend nachlaufen will oder schlicht kopiert, kommt heute – auch mit Tools wie der CreativeSuite, die irgendwie jeder zu beherrschen meint – zwar ersteinmal schnell weiter. Das Wissen um die »Dos« und »Don’ts« können einem diese »Klicks« aber nicht abnehmen.

Eine fundierte Ausbildung, Fachkentnisse und viel viel Erfahrung – auch im Umgang und der Zusammenarbeit mit den anderen Beteiligten wie Redakteuren und Photographen – spiegeln sich immer im späteren Design wieder. Und das sieht – bewusst oder unbewusst – auch der Leser, der ja schlussendlich Käufer des Magazins ist.

Warum braucht französischer Text eigentlich immer mehr Platz als deutscher?

Ich habe in den Jahren als Editorial Designer in der Tat bemerkt, das romanische Sprachen im allgemeinen mehr Platz als germanische brauchen.

Vielleicht sind die Wörter einfach länger? Oder ist der Satzbau schuld? Je ne sais pas… Vielleicht kann uns da die Académie française weiterhelfen 😉